zurueck Walsroder Zeitung vom 19.02.2005
Wenn Kinder den Krebs vergessen können
Von Torben Hildebrandt

Krebs im Kindesalter: Die Diagnose ist erschütternd.Wie ein tiefes Loch, in das ganze Familien fallen. Wie ein Albtraum, der nicht enden will.
In der Station 64a der Medizinischen Hochschule Hannover helfen Ärzte, Schwestern und ein ehrgeiziger Verein den jungen Patienten und ihren Eltern wieder zurück ins Leben – mit Mitteln, die anderswo schon wegrationalisiert sind. Wenn Gefühle und Zeit auf dem Therapieplan stehen.

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Malen kann befreiend sein:
Die 16-Jährige Daniela freut sich
jedes Mal auf die Kunststunde
mit Rainer Mörk (Links).

Oben: Kinderbilder schmücken
die Wände in den Fluren.
Ein junger Patient streckt seine
Hände nach den Ärzten aus.
Ein Kinderzimmer. Buntgepunktete Gardinen am Fenster, auf dem Tisch in der Mitte des Raumes stehen Tuschkästen und Buntstifte, auf dem Fußboden liegen Bauklötze aus Holz. Daniela ist 16 Jahre alt, Nadine sieben, Madita sechs Jahre. Heute teilen sich die drei den kleinen Raum mit ihren Eltern. Zum Abschalten. Zum Wohlfühlen, einfach mal was anderes machen: Die drei Kinder malen mit dem Künstler Rainer Mörk bunte Bilder, in denen der graue Alltag keinen Platz hat. Kunst hat „etwas Öffnendes, etwas Befreiendes“, sagt Rainer Mörk, während die Kinder miteinander scherzen. Das Thema schlechthin ist heute Zivi Benjamin, den Madita später am liebsten einmal heiraten würde. Mit einer gelblich-transparenten Flüssigkeit gefüllte Plastikschläuche verschwinden unter den Pullovern und Jogginganzügen der Mädchen – während sie malen, fließt das Medikament MTX in ihre kleinen Körper, eine Form der Chemotherapie. Es zerstört nicht nur die Krebszellen, sondern auch den Haarwuchs. Gegen das Lächeln hat MTX zum Glück keine Chance. Daniela, Nadine und Madita haben Krebs. Und wären dort nicht die blöden Schläuche, die piependen Geräte, dieser stickige Krankenhausgeruch und die matte Kopfhaut, dann würde niemand ahnen, dass ihnen der Tod im Nacken sitzt. Die drei Mädchen sind drei von etwa 18 Patienten auf Station 64a, bei denen die Ärzte Leukämie oder verschiedene Tumore diagnostizierten. Krebskranke Kinder im Alter von wenigen Monaten bis 17 Jahren werden hier behandelt, operiert, gepflegt. Ihre Überlebenschancen sind gut: Mehr als zwei Drittel der jungen Patienten werden wieder gesund.

In Hannover haben nicht nur Ärzte und Schwestern Anteil daran, sondern auch ehrenamtliche Helfer und betroffene Eltern: Der „Verein für krebskranke Kinder“ schafft täglich eine Atmosphäre, in der sich die jungen Patienten wohl fühlen. 400 Mitglieder, Festgesellschaften und Firmen spenden Geld und Zeit, damit es den Kleinsten der Gesellschaft gut geht. Der Verein kümmert sich um Spielzimmer, hat Wohnungen und Appartements in MHHNähe angemietet, in denen Eltern untergebracht werden. Die stillen Sponsoren finanzieren Forschungsprojekte und sogar eine ganze Arztstelle, betreuen die Kinder mehrmals in der Woche – das schafft Entlastung im Alltag. „Ich tue keinem weh, ich komme weder mit der Spritze noch mit Tabletten“, beschreibt die zweite Vorsitzende Helga Opitz den besonderen Draht zu ihren Schützlingen. Auch Künstler Rainer Mörk bekommt sein Geld vom Verein. Ohne ihn hätten die Kinder eine Attraktion weniger, und die Flure wären ohne die Kinderbilder kahl, wie Krankenhausflure im Neonlicht nun einmal kahl sind.

Helga Opitz war früher Lehrerin, heute schaut sie dreimal in der Woche auf 64a vorbei. „Ich hatte Zeit und Kraft, so etwas zu machen“, sagt die zweite Vorsitzende mit einer Selbstverständlichkeit, die keine Fragen offen lässt. Wenn sie die Schleusen zu den keimfreien Krankenzimmern – den „Boxen“ – betritt , wenn sie das Kinderlachen im Stationsflur hört, wenn sie mit den Kleinen spielt, mit den Eltern frühstückt, mit Geschwisterkindern Spazieren geht, dann fühlt sie sich gut. „Es ist ein Geben und Nehmen“, lächelt Helga Opitz. „Ich freue mich, wenn ich merke, dass die Hilfe ankommt.“

Zu vielen Familien baut sie über Monate Vertrauensverhältnisse auf – ohne dabei falschen Optimismus zu erzeugen. „Man darf nie sagen, es wird alles wieder gut“, hat Helga Opitz für sich beschlossen. Denn manchmal wird es einfach nicht wieder gut, manchmal hören auch in der bunten, verspielten Welt von 64a Kinderherzen auf zu schlagen. Helga Opitz trauert mit. Und so paradox es klingt: Mitunter hat sie den Kindern die schönsten Tage ihres jungen Lebens beschert.

Walsroder Zeitung, 19.02.2005

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